1942 bis 1993: Die Geschichte der Volksdeutschen Rosa Peham, Nutznießerin des Holocausts, die mit ihrem Geliebten Józef in einer Erdhöhle auf der Asche ermordeter Juden des Vernichtungslagers Kulmhof lebt. Eine Collage des Ungeheuerlichen aus Dokumenten, Briefen, Phonoaufnahmen, Berichten und Verhörprotokollen.
"hier mein Photo, strahlend zwölf, dreizehn, mein altes, mein Ebenbild, mein Matrose, mein Anzug, meine Bänder, meine blauen zwei, die flatternden, meine Mütze, meine goldene, meine geliebte, meine Ausnahme, mein Adler meiner Reichskriegsmarine, meine Rauten, Litzen, silbernen Winkel, meine stolzen, meine angenähten, an Oberarmen, über Schultern, meine Kordel, mein geflochten rot-weiß herabhängendes Etwas des Führers der Rotten, des Fähnleins zur See, meine See, meine dunkle, marineblaue, meine hitlerjugendliche, meine Fahrt, Fracht, meine Meilen, mein Seefunk, mein Beben, mein Blick, Gang": Bilder aus seiner Kindheit in Nazideutschland. Der Autor ist Thomas Harlan, geboren 1929. Der zeitliche Rahmen des Romans "Rosa" und des Hörstücks "Rosa – Die Akte Rosa Peham" erstreckt sich von 1942 bis 1993 und spielt mit verschiedenen Erzählebenen. Dokumente, Briefe, Phonoaufnahmen, Berichte und Verhörprotokolle geben in atemlosem Stakkato ungeheuerliche Geschehnisse preis.
"Rosa" hat eine lange Entstehungsgeschichte. "In den frühen sechziger Jahren stieß der Autor Thomas Harlan bei Recherchen über Kriegsverbrechen in Polen auf Gerüchte über das Dorf Kulmhof, an dem die Deutschen die Technologie des Massenmords mehrmals erprobten. Dreihunderttausend Menschen sind dort ermordet worden. Der Ort selbst hat sich nicht verändert; herausgerissen aus der Indifferenz des Irdischen, wuchs an ihm ein Urwald gleich einer Metaphysik des Erinnerns", bemerkt Steffen Kopetzky in der Süddeutschen Zeitung über Harlans "Rosa". "Der Text ist wie der ewige Moment eines präzisen Albtraums".
Harlans "Rosa" ist das Gegenteil einer Bilanz und alles andere als ein Fazit, der Text ist ein sprachlich-gedankliches Ringen mit einem ungeheuerlichen Stoff, mit einer Landschaft des Verbrechens: "Dort eben, wo im Herbst Steinpilze so groß wuchsen wie Hüte, sah der Waldgänger von der Atemnot des Bodens nichts; die schnellen, fast wütenden Luftzüge, die durch die saure Erde nach außen drangen, hörten nur Eingeweihte, die ihr Ohr an das Moos legten, und, wenn niemand zugegen war, den Geräuschen lauschten, die sie an Schallwellen leerer, rauschender Schneckenhörner erinnerten, und ihnen Angst einflößten."
An diesem Ort, in Chelmo (Kulmhof) wurden in den Jahren 1941 und 1942 Leichen vergaster Juden in Massengräbern im Wald verscharrt. Als sich die Gräber hoben und zu stinken begannen, grub ein Kommando die Leichen wieder aus, verbrannte sie und zermörserte die Knochen zu Mehl. In einem Erdloch bei Kulmhof hausen die Kollaborateurin Rosa Peham und Józef Najman. Rosa ist die ehemalige Verlobte von Franz Maderholz, dem Zahlmeister des Kulmhofs. Die Asche der Opfer füllt den Boden der Lichtung, die seit Kriegsende Rosas Heimstatt ist. Franz ist bei der Partisanenbekämpfung in den Karstgebirgen vor Triest verschollen, Rosa hat sich 1948 mit Józef liiert, seine Vergangenheit ist dunkel. Über die erste Begegnung mit den Figuren Rosa und Józef berichtet der Ich-Erzähler:
"Durch den tobenden Schnee zog sich eine Rauchfahne: Dünn und kaum von den Flocken zu unterscheiden, wehte sie am Ende der Grabstelle (...) hoch in die Luft ihre Kringelchen und entpuppte sich. Und lange noch, Blitz und Gewitter im Rücken und das stille Kriegsrecht, das auch beim Stampfen durch Neuschnee allen immer noch im Genick saß wie ein Verbot, sich zu rühren, folgten wir der Rauchsäule, die sich immer weiter vor uns und dann bis zur Unsichtbarkeit wegen der Wehen zurückzog, bevor plötzlich ein Pferd auftauchte, schneeweiß auch das Pferd, riesig, Leib und Hüftbacken vor uns mit abgetrenntem Schweif, ein Schimmel, eine Stute, die, am Ofenrohr, das aus der Schneemiete schoss, mit einem Seil vertäut als Wächterin, so schien es, vor einer Öffnung stand, welche direkt abwärts in die Erde führte zu Józef."
Der Dokumentarfilmer als Romanautor: Harlans elektrisierende Prosa arbeitet die eigene Geschichte ab. Der Name des Vaters, des Filmemachers Veit Harlan ("Jud Süß") findet keinen Eingang in den Roman. Doch die Nähe zur Macht ist wesentlicher Bestandteil der Kindheitserinnerungen des Ich-Erzählers:
"Einsteigen in den schwarzen Horch; Chauffeur ein Frauenheld der Luftwaffe. Wortloses Fahren (nur mit dem Wort "Überraschung für dich", kaum gemurmelt) über Königsallee, dann Kaiserdamm, Siegessäule, Linden, Unter den, in die Leipziger Straße, wo schon Personal lauerte (?), Verkäufer, Verkäuferinnen, der Personaldirektor des Kaufhauses Wertheim warteten und das Geschäft geöffnet hielten (?), den mächtigen, sechsstöckigen Koloß, in Licht getaucht schon von weit, und, dann über die leere Nachtstraße samt all der finsteren, kümmerlichen Reste einer ansonsten schlummernden Gesellschaft, die zu dieser Zeit ohne Fliegeralarm unterwegs war: Hunde, Bettler gab es nicht mehr, Milchmänner, Müllmänner, Fässer tragende Bierwagenmänner unversehens ins Tageslicht gestürzt, um schließlich dann, rasend, wie Blaulicht, stoppend, Josef, der ihnen, nur wegen mir, ich wußte es, ich war stolz, einen Schreck in die (morschen, dachte ich) Knochen hatte fahren lassen, den sie allesamt wohl nie vergessen würden. (Mich.) Ich dürfte mir bei "Märklin" aussuchen, was ich wollte. Ich wollte die 00-Miniatureisenbahn. Drei Lokomotiven. Fünf Schlafwagen. Zwanzig Viehwagen. Ein rollendes Gefängnis. Brücke., Bahnhof (x 2). Loren. Gebirge; zu überwindende Flüsse; soldatenähnliche bleierne Bahnhofsvorsteher, Schaffner, Bahnarbeiter in Kunstharz, bunt, Sankt-Gotthard-Paß, groß, hoch wie mein Zimmer. Ich wollte ein Zimmer, aber sagte es nicht. Josef sprach mit Adjutant, herbeizitiert inzwischen, verschlafen. Ohne Adjutanten sprach Josef nicht mit Volk. Für Volk, Kaufhausetagenchef, übersetzte Schubert. Dann Heimfahrt, Lichter aus, hinter mir. Am nächsten Frühmorgen Latein. Das Gestapoauto, das in unregelmäßigen Abständen die Fehltritte des Ministers beobachtete, stand Ecke Königsallee, schwarz und still wie immer. Josef lachte es aus. Scherze waren erlaubt. Heute schlief er bis zwölf. Als ich heimkam, war mein Geburtstag. Das Bild auf dem Tisch, in Weihnachtspapier, war in Silber eingerahmt, echtes, schweres, breit wie eine Hand. Auf dem Foto stand: Meinem lieben Tommy. Dr. Goebbels."
So scharf Sequenzen der Kindheit in Harlans "Rosa" aufblitzen, so komplex, schwer durchdringlich und ausufernd präsentiert sich das Erzählte in seiner Gesamtheit. Harlans Darstellungen schließen nicht ab, sie sind Prozesse, bilden Stränge um Ereignisse, die von dunkelster Vergangenheit in die Jetztzeit führen. Vergangenes?
"Die Geschichte endete, bevor sie anfing. Daß zwischen Anfang und Ende nichts lag, nicht einmal Stille, und daß diese Abwesenheit, möglicherweise sogar von Schmerz, irgend etwas anderes als nichts sein könnte, wunderte nur jene, die noch nie eine Geschichte erzählt hatten, ohne zu fürchten, daß alle Wörter, derer sie habhaft geworden sein mochten, an ihrem Inhalt vorübergegangen, und dort, wo sie, über dem Abgrund stehend, wie auf Klippen und in schwindelnder Fallhöhe von der Tiefe angezogen, erstorben waren an ihrem Unvermögen, den Sturz ins Leere zu wagen".
Pressestimmen
Hörspiel des Monats
"Die Akte Rosa Peham" von Thomas Harlan, eine Koproduktion des BR mit dem WDR, ist von der Jury der Akademie der Darstellenden Künste zum "Hörspiel des Monats April 2001" benannt worden. In der Begründung der Jury heißt es u.a.:
"Der Roman "Rosa" von Thomas Harlan, dem Sohn des Nazi-Filmregisseurs Veit Harlan (u.a. Jud Süß"), ist nicht seine einzige Publikation zu dem Thema Nazi-Nachwelt, aber die am breitesten ausgearbeitete. Der auf der Basis von dokumentarischem Material entstandene Roman zeigt die Nachwelt der Hitler-Barbarei in Deutschland in einer Art von Erinnerungs-Symbiose von Pflanzen, Tieren und schließlich auch von Menschen mit den Überresten der Opfer. Während beim ehemaligen KZ-Bürokarten Franz die "Maderholzsche Umnachtung" diagnostiziert wird, vegetiert seine ehemalige Geliebte Rosa im Grabbunker einer Asche-Deponie vor sich hin.
Regisseur Bernhard Jugel hat die nackte Sprache anstelle einer von Klang- und Geräuschfolien umgebenen Realisation als Medium gewählt. Die wenigen dissonanten Musik-Akzente von Helga Pogatschar fungierten ausschließlich als Kapiteltrenner. Den Szenerien des allerorts klinisch manifesten Wahnsinns bei diesem sehr wortlastigen Stück ist kaum irgendeine Diktion angemessen. Gerade deshalb wirken das schneidige Organ von Manfred Zapatka, das weichere Timbre von Heiko Raulin oder die gespielte Ratlosigkeit von Karin Anselm oder Sophie von Kessel fremdartig.
Eine Radio-Adaption, die - jenseits der politisch korrekten Botschaft eine hellere Wahrnehmung hervor zuruft beabsichtigt. Ein Versuch mit der Darstellung von der Fassungslosigkeit, mit der der Autor Thomas Harlan die Nach-Nazi-Ära dargestellt und versucht hat dem Hörer nahe zubringen.
Asche, Knochenmehl
Über das Hörstück "Rosa - Die Akte Rosa Peham" Von Mario Alexander Weber
Thomas Harlans im Herbst 2000 erschienener Roman "Rosa" ist die Textvorlage für das von Michael Farin bearbeitete und von BR und WDR produzierte Hörstück "Rosa - Die Akte Rosa Peham".
Zentrum des Romans und des Hörstücks ist das nationalsozialistische Vernichtungslager Kulmhof/Chelmno, in welchem mindestens 152.000, nach polnischen Schätzungen sogar über 300.000 Menschen ermordet wurden. Die Opfer, hauptsächlich Juden aus dem Ghetto Lodz und aus den Dörfern des Warthelandes, wurden in Gaswagen erstickt, ihre Leichen verbrannt. Die Knochen der Toten wurden später von einem Sonderkommando in Maschinen zermahlen, um die Spuren der Massentötung zu verwischen. "Da sagte Rosa im Wald / gab es / drei Autos die die Hölle genannt wurden".
Aus der dichten, komplexen, nicht leicht lesbaren Romanvorlage destilliert das Hörstück eine einzige, zentrale Geschichte heraus: Die Geschichte der Volksdeutschen Rosa Peham, Nutznießerin des Holocausts. Die Titelfigur hat eine Affäre mit dem Zahlmeister des Lagers, Franz Maderholz, der sie aushält und ihr Geschenke macht. Maderholz wird jedoch 1943 nach Italien versetzt und sucht sich dort eine andere Geliebte. Rosa bleibt verlassen in Kulmhof zurück.
Die Akte Rosa Peham wird 1948 angelegt: Bei der Hochzeit ihrer Zwillingsschwester Malgorzata kommt es zum Eklat, als Rosa - unerwünscht und überraschend - in der Kirche erscheint, "in goldenem Taft gekleidet, mit Diademen im Haar und mit Schmückstücken unwahrscheinlichster Herkunft behängt". Der geraubte Nachlass der Ermordeten, den ihr ihr ehemaliger Verlobter Franz Maderholz hat zukommen lassen, ist es, der ihre Schwester im "Blutrausch der Eifersucht" dazu bringt, Rosa das linke Auge auszuschlagen. Rosa flüchtet aus der Kirche zur Mühle, dort, wo die Asche und das Knochenmehl der Toten in die Netze gekippt wurden. An diesem Ort hat sie in der folgenden Nacht ihre erste sexuelle Begegnung mit dem undurchsichtigen Jósef Najman. Kurze Zeit später zieht das neue Paar am Ort der Massengräber in eine Wohnung unter der Erde ein.
Als die Vernehmungen beginnen und die Vorkommnisse im Lager Kulmhof aufzudecken versucht werden, wird auch die Frage nach der Herkunft des von Rosa Peham getragenen Schmucks aufgeworfen.
Zu diesem Zeitpunkt zeigt der Zähler am CD-Laufwerk erst die vierzehnte Minute an, der Hörer hat noch mehr als eine Stunde dieser bitteren Geschichte vor sich.
Das Hörstück filtert aus dem Roman die Kernhandlung heraus. Wo dort seitenlange, verschlungene Sätze es dem Leser nicht leicht machen, die Zusammenhänge zu erkennen (nicht umsonst ist dem Roman eine Zeittafel angefügt und deren Zusammenfassung in Form eines Lesezeichens in zweifacher Ausfertigung zusätzlich beigefügt), entfalten im Hörstück die Lebensgeschichten der Rosa und ihrer Liebhaber Franz Maderholz und Jósef Najman einen Sog, dem sich der Hörer kaum entziehen kann. Gelesen wird von renommierten Sprechern und Schauspielern wie Karin Anselm, Axel Milberg oder Manfred Zapatka. Die düstere Farbe der Musik, meist mit einem Kontrabass im Mittelpunkt, um den herum sich Klavier und manch seltsame Geräuschkulisse legen, wurde von Helga Pogatschar komponiert und fügt sich zwischen den Textpassagen kongenial in den Gesamteindruck ein. Mit dem Roman in der Hand den gelesenen Text verfolgend sieht man die Komprimierung, die allerdings nicht immer als gelungen zu bezeichnen ist. Die Wiedergabe der Vergewaltigung des Jósef durch polnische Soldaten im Jahr 1984 streicht die Harlan'sche Drastik, reduziert die Episode zum Handlungsmoment und mildert dadurch die Vorlage ab. Durch die Reduzierung auf das Trio Franz, Jósef und Rosa findet auch die furiose Fäkalpassage, in der sich der Ich-Erzähler einmischt, auf dem Plumpsklo einer polnischen Kneipe sitzt und sich an den Geruch von Kölnisch Wasser in Goebbels Haupthaar erinnert, keinen Widerhall. Harlans Prosa ist stellenweise nichts für empfindsame Leser; die Auswahl für das Hörstück weiß darum.
Der Roman bietet sich durch seine Vielzahl an Textformen - Gerichtsunterlagen, Vernehmungsprotokollen, Transkriptionen, Einschüben - gerade dafür an, mit mehreren Stimmen gelesen zu werden, etwas, was das Hörstück auch aufgreift. Jedoch verwirren beim Hörstück die mitgelesenen Anmerkungen aus den jeweiligen Vernehmungsprotokollen. Wo im Roman zwischen den Zeugenaussagen in Klammern ein "schreit" oder "hustet" steht, wird dies von den Sprechern im Hörstück teilweise mitgelesen. Unklar bleibt, warum an einigen Stellen solche Anmerkungen in der Bearbeitung verschoben, ignoriert oder eben hörbar gemacht werden. Eher Zufall als Systematik scheint sich dahinter zu verbergen. Schade, denn man hätte ein "hustet" auch husten lassen oder gar ganz weglassen können. Was im Roman ohne Probleme funktioniert, wird in der Hörfassung zum Versuch, die Komplexität Harlan'scher Textgestaltung eins zu eins akustisch darzustellen. Leider geht dadurch ein wenig die durch die Komprimierung vorgegebene Richtung verloren, sprich: Klarheit, Handlungsablauf, Übersicht. Etwas, was ansonsten in den meisten Fällen gut gelingt. Manch ausufernder, sich in abstrusen Nebenheiten auslassender Satz von Harlan bekommt durch die Verkürzung eine neue Dynamik, auf der anderen Seite jedoch geht der Reiz von Harlans außergewöhnlicher Prosa dadurch ein wenig verloren. Doch wäre es übertrieben, zu behaupten, dass das Hörstück nach der Bearbeitung aus kurzen, knappen Sätzen besteht, die sofort ins Ohr gehen.
Die im Roman zentrale Figur des Richard F., der durch seine Recherchen und Schriften das Geflecht der Ereignisse, Orte und Personen zusammenhält, wird im Hörstück nicht erwähnt; seine Geschichte und seine Spurensuche werden nicht thematisiert. Wenn jedoch sein Name in den ausgesuchten Passagen auftaucht, wird geschickt umformuliert, so dass sich seine Aufzeichnungen düster in das Hörstück einbringen lassen.
"Kulmhof, das Schloß, noch von Blobels Wetterkommando abgerissen, und das Dorf an der Netze, das von allen seinen deutschstämmigen Bewohnern Abschied genommen hatte, Rosa und ihre Schwester ausgenommen, waren wieder Chelmno geworden, und die Netze wieder der Fluß Ner. Wer sich den Weg vom leeren Schloßfleck weg, nach Süden, durch den Wald macht, und die Blöße erreicht, erkennt noch den Brunnen, hinter dem, nur einige Schritte entfernt, die ersten, kaum merklichen Wellen beginnen, sich kaum bewegende, leicht kräuselnde Aufschüttungen für den, der Augen für das Nichts hat - Beete von vielen hundert Metern Länge."
Das Hörstück endet mit dem Tod von Rosa und Jósef, der einen Tag nach ihr im Juli 1992 stirbt. "Jósef hatte sie eingeholt; er hatte sie hinterlassen; sie hatte noch einmal ihre fünf Finger gezählt; sie hatte ihre Jahresringe abgelegt; sie hatte sich nichts dabei gedacht; sie hatte sich umgewendet; sie hatte sich nicht mehr geäußert; sie hatte sich von sich entfernt; sie hatte sich." Der letzte, lange Satz des Hörstücks, keine Musik folgt mehr auf ihn, nur noch Stille.
Es ist schwer, eine Vermutung darüber anzustellen, wie das Hörstück auf jene wirkt, die den Roman nicht kennen. Ein Zuviel an undurchdringlichen Eindrücken mag den Hörer ratlos zurücklassen - mehr Impression als Inhalt. Vielleicht aber auch nicht. Ein Aufsatz von Herbert Kapfer im Booklet der CD versucht zur Aufhellung seinen Teil beizutragen. Gleichwohl kann das Hörstück die Lektüre des Romans nicht ersetzen. Es ist die gelungene Reprise zu einem fulminanten literarischen Werk, das sich auf kontroverse Art und Weise, weitab von gängigen, zumeist klischeebehafteten Büchern, Fernsehserien oder Filmen mit der braunen, deutschen Vergangenheit auseinander setzt.